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Wenn Minus mal Minus nicht Plus ergibt – Das Problem der negativen Verstärkung

Die Nister war lange Zeit, trotz hoher Nährstoffkonzentrationen (v.a. Phosphate), das Vorzeigegewässer in Rheinland-Pfalz. Als „grünes Juwel des Westerwaldes“ konnte sie sowohl mit einer erfolgreichen Wiederansiedelung und natürlichen Reproduktion des Atlantischen Lachses als auch mit Populationen der stark bedrohten Flussperlmuschel und Bachmuschel aufwarten. Doch die letzten Jahrzehnte sind nicht spurlos an der Nister vorbeigegangen und die ökologische Gewässerqualität verschlechtert sich dramatisch. Diese Veränderung bemerken auch Anwohner, Spaziergänger oder Wanderer, die sich entlang der Nister in der Natur entspannen und sich am Gewässer erfreuen wollen. Wo man früher im Sommer das kühle Nass genießen konnte, sieht und riecht man nun ein stark veralgtes Gewässerbett, welches bereits eine simple Querung der Nister an einer Furt zu einer rutschigen und dadurch gefährlichen und ekligen Erfahrung macht. Ein eindeutiges Merkmal einer Gewässereutrophierung.

Der Begriff Eutrophierung bezeichnet die massenhafte Entwicklung von Algen in Folge einer übermäßigen Nährstoffverfügbarkeit. In Seen und aufgestauten Gewässerabschnitten, z.B. Talsperren, sind dies sogenannte Algenblüten planktischer Algen, also Massenentwicklungen von Algen, welche im Freiwasser „schweben“. Da Fließgewässern aufgrund ihrer Strömung keine Entwicklung planktischer Algen erlauben, äußert sich eine Eutrophierung in der Massenentwicklung am Gewässergrund wachsender Algen (benthische Algen). Genau das ist mittlerweile in jedem Frühjahr und Sommer an der Nister zu beobachten.

Doch eine hohe Nährstoffverfügbarkeit muss nicht immer zu Algenmassenentwicklungen führen. Auch dies lässt sich gut am Beispiel der Nister darlegen. Bereits in den 90er Jahren wies die Nister hohe Nährstoffkonzentrationen auf, die vergleichbar bzw. sogar höher als die heutigen waren. Dennoch wurden die ersten Algenmassenentwicklungen erst Anfang der 2000er Jahre beobachtet und 2010 von Manfred Fetthauer dokumentier.

Vergleich der Algenentwicklung in der Nister zwischen dem Frühjahr 2001 und 2010. Beide Fotos wurden von der Straßenbrücke in Stein-Wingert fotografiert. Fotos: M. Fetthauer

Doch was hat sich verändert, wenn nicht die Nährstoffverfügbarkeit? Hier kommt ein wesentlicher Aspekt von Gewässern zum Tragen, welcher sie von Landlebensräumen maßgeblich unterscheidet. Während wir an einer Wiese sehen, dass weniger Blumen blühen und weniger Insekten durch die Luft schwirren, führen die Bewohner der Gewässer meist ein Leben im Verborgenen. – Aber das ist in der Nister anders. Die Arten und ihre Bestände in der Nister sind aufgrund der herausragenden Bedeutung der Nister in Rheinland-Pfalz (u.a. Lach2000 Gewässer und Großmuschelhabitat) und durch das unermüdliche Engagement der ARGE Nister gut dokumentiert. Anhand der Befischungsdaten aus regelmäßigen Elektrobefischungen durch die Bürogemeinschaft für fisch- und gewässerökologische Studien (BfS Frankfurt), zeigt sich ein Bestandseinbruch großwüchsiger Fische (> 15 cm) im Jahr 1999 auf nur noch ca. 22% der im Vorjahr erfassten Bestände.

Einbruch der Großfischbestände in der Nister 1999, nachdem im Winter 1998/99 erstmals 118 Kormorane ins Sieg/Nister-System eingeflogen sind. Daten: BfS-Frankfurt

Die größten Bestandseinbrüche waren bei den Arten Nase, Barbe und Döbel zu verzeichnen, deren Bestände sich bis heute in der Nister nicht erholen konnten. Der Einbruch der Fischbestände wurde festgestellt, nachdem im Winter 1998/99 erstmalig Einflüge von 118 Kormoranen in das Sieg/Nister-System beobachtet wurden. Diese hocheffizienten Fischjäger haben sich seither im Siegsystem als wiederkehrende Wintergäste und sogar mit kleineren Brutkolonien etabliert, so dass mittlerweile regelmäßig Kormoraneinflüge in hoher Zahl an der Nister beobachtet werden. Daher ist ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Einflug der Kormorane in das Sieg/Nister-System und dem Bestandseinbruch der Fische mehr als wahrscheinlich.

Links: Morgentlicher Kormoraneinflug bei Stein-Wingert. Rechts: Hochrechnung der Kormoraneinflüge in die Nister bei Stein-Wingert im Winter (Jan.-Mrz. + Okt.-Dez.) von 2015 bis 2020. Die Werte basieren auf dem Tagesdurchschnitt (Summe beobachteter Einflüge/Beobachtungstage) und sind auf den Gesamtzeitraum hochgerechnet (Tagesdurchschnitt x 182 Tage). Die Zahl über den Balken ist die Anzahl der Beobachtungstage im Untersuchungszeitraum. Foto und Daten: M. Fetthauer

In den Folgejahren des dokumentierten Bestandseinbruchs der Großfische wurden in der Nister zunehmend Massenentwicklungen benthischer Algen, v.a. im Frühjahr, ebenso wie ein dramatischer Rückgang der Großmuschelpopulationen beobachtet. Um diese zunächst nur zeitlich korrelierenden Beobachtungen in einen kausalen Zusammenhang zu setzen, muss man sich vor Augen führen, dass nicht nur die Umwelt die Lebewesen beeinflussen, sondern auch die Lebewesen ihre Umwelt.

Das wohl offensichtlichste Beispiel für diese wechselseitige Beziehung zwischen Lebewesen und Umwelt ist der Mensch, welcher insbesondere in den gemäßigten Klimaten Europas seit über 2000 Jahren das Landschaftsbild formt und durch Ackerbau, Viehzucht, Entwaldung, Flussbegradigungen oder Stauhaltungen insbesondere Nährstoffkreisläufe, den Wasserkreislauf sowie das (Regional-) Klima beeinflusst. Vergleichbar, aber in viel kleinerem Maßstab, beeinflussen auch die im Gewässer lebenden Organismen ihre Umwelt.

Nase, Barbe und Döbel sind Fische der Äschen- und Barbenregion, welche sich bei der Nahrungssuche ausschließlich (Nase, Barbe) bzw. überwiegend (Döbel) am Gewässergrund aufhalten. Während Nasen sich ausschließlich von benthischen Algen ernähren, sind Barbe und Döbel omnivor (Allesfresser), wobei sich große Exemplare zunehmend von (benthischen) Kleinfischen (piscivor) ernähren. Bei der Nahrungssuche durchstöbern diese omnivoren Arten den Gewässergrund, um Insektenlarven, Krebse, Muscheln oder Fische aufzustöbern, wobei sie die Sedimente aufwirbeln und Steine umdrehen (sog. Bioturbation). Auf diese Weise halten diese drei Fischarten das Gewässerbett frei, ähnlich wie Herden von Schafen oder Kühen in der Landschaftspflege genutzt werden, um Offenlandflächen freizuhalten. Doch ebenso wie Offenlandflächen an Land zuwachsen, wenn die Weidegänger verschwinden, wächst auch das Gewässerbett zu, wenn die aquatischen Weidegänger fehlen.

Fotos des Gewässergrunds der Nister im April 2019 in einem Bereich mit vielen (links) und einem Bereich mit wenigen (rechts) Nasen und Döbeln. Fotos: Manfred Fetthauer und Carola Winkelmann

Aufgrund der Strömung kann der Freiwasserbereich (die sog. fließende Welle) in Bächen und Mittelgebirgsflüssen nur von schwimmstarken Fischarten, aber nicht von Wirbellosen und Plankton (z.B. Algen) dauerhaft bewohnt werden. Daher sind diese Lebewesen auf den Gewässergrund als Lebensraum angewiesen. So wachsen Algen in Biofilmen, dem sogenannten Periphyton, auf der Oberseite der Subatrate (Steine, Kies, Sand, Totholz), während sich Organismen, die nicht auf Licht angewiesen sind, zum Schutz vor Fressfeinden oder der Strömung unter Steine oder in das Kieslückensystem zurückziehen. Dadurch ist das Kieslückensystem des Gewässerbetts (wissenschaftlich: Hyporheisches Interstitial, kurz Hyporheal) die biologisch aktivste Zone des Gewässers. Als dauerhafter Lebensraum von Wirbellosen und vor allem Mikroorganismen ist das Kieslückensystem für den Stoffkreislauf und die Selbstreinigungskraft des Gewässers von zentraler Bedeutung. Doch auch für kieslaichende Fische, wie Nasen, Äschen, Barben, Lachse, Forellen uvm., welche die meiste Zeit ihres Lebens im Freiwasser verbringen, ist ein sauberes gut belüftetes Kieslückensystem für den Arterhalt entscheidend, denn das Kieslückensystem ist „Brutplatz“ und die früheste Kinderstube (Dottersackstadium) dieser Arten.

Schematische Darstellung des hyporheischen Interstitials, kurz Hyporheal. Die wichtigsten Funktionen des Hyporheals sind der Austausch zwischen Grund- und Flusswasser, der biochemische Ab- und Umbau von Nähr- und org. Schadstoffen (Selbstreinigung des Gewässers) sowie die Bereitstellung eines Lebensraums für Kleinstlebewesen und juvenile Stadien von Fischen und Großmuscheln.

Die Funktionsfähigkeit des Kieslückensystems ist hochgradig vom kontinuierlichen Austausch mit der fließenden Welle abhängig. Durch verschiedene Mechanismen (Sedimentation, Diffusion, Bioturbation, u.a.) werden partikuläre Stoffe (feine Sedimente und abgestorbenes organisches Material), aber auch gelöste Stoff (Nährstoffe, z.B. Stickstoff- und Phosphorverbindungen, und Gase wie Sauerstoff und Kohlendioxid) in das Kieslückensystem eingetragen bzw. in die fließende Welle abgegeben. Fehlen nun die wichtigen Weidegänger im System, so wird das Kieslückensystem durch eine dicke Algenschicht von der fließenden Welle getrennt und der Austausch wird unterbunden.

Die Algenmassenentwicklungen haben also einen erheblichen Einfluss auf die Lebensbedingungen im Fließgewässer; nicht nur im Kieslückensystem sondern auch in der fließenden Welle. In der Wachstumsphase einer solchen Algenblüte ist an sonnigen Tagen die Photosyntheseleistung der Algen so hoch, dass Sauerstoff schneller produziert wird als im Austausch mit der Luft abgegeben werden kann. Dies führt zu sehr hohen Sauerstoffkonzentrationen und einer Sauerstoffübersättigung von bis über 200%. Durch die hohe Sauerstoffkonzentration können Sauerstoffradikale entstehen, welche das empfindliche Kiemengewebe der Wasserorganismen (z.B. Fische) angreifen und irreparabel schädigen können. Nachts, wenn auch die Algen auf Grund der Dunkelheit atmen, also selbst Sauerstoff verbrauchen, kommt es dann zu einer starken Sauerstoffzehrung bis hin zu hypoxischen oder sogar anoxischen Bedingungen (wenig bis kein Sauerstoff). Vielen Gewässerorganismen droht unter solchen Sauerstoffmangelbedingungen der Erstickungstod. Die Photosynthese der Algen hat aber nicht nur Auswirkungen auf den Sauerstoffgehalt des Wassers, sondern auch auf dessen pH-Wert. Bei der Photosynthese nimmt die Alge Kohlendioxid auf und setzt Hydroxidionen (OH-) frei, wodurch der pH-Wert an sonnigen Tagen auf ≥ pH 9,5 steigen kann. Oberhalb von pH 8 verschiebt sich das Verhältnis von Ammonium (NH4+) zum toxischen Ammoniak (NH3). Bei den in nährstoffreichen Gewässern häufig anzutreffenden hohen Ammoniumgehalten kann diese Verschiebung zu einem Massensterben von Fischen und anderen Gewässerorganismen führen. Über Nacht wird der Hydroxidionen-Überschuss wieder ausgeglichen und der pH normalisiert sich. Dadurch treten während einer Algenblüte an sonnigen Tagen im Tagesgang massive Schwankungen von Sauerstoffkonzentration und pH-Wert auf.

Tageszeitliche Schwankungen von Sauerstoffsättigung (links) und pH (rechts) in der Nister bei Stein-Wingert im Frühjahr 2016. Daten: M. Gerke, Universität Koblenz-Landau.

Auch mit dem Absterben der Algen ist der schädliche Einfluss der Algenblüte auf das Gewässer nicht beendet, das Problem wird lediglich verlagert. Das abgestorbene Algenmaterial wir in die Lücken und Spalten des Kieslückensystems eingetragen, wo es die Porengänge verstopft, welche normalerweise Oberflächenwasser, Interstitialwasser und Grundwasser verbinden (biogene Kolmation). Unter Verbrauch von Sauerstoff wird nun das tote Algenmaterial im Kieslückensystem durch Mikroorganismen abgebaut. Je stärker die Poren verstopft sind, desto weniger sauerstoffreiches Oberflächenwasser kann in das Kieslückensystem eindringen, so dass es zu einer Sauerstoffzehrung bis hin zu hypoxischen und sogar anoxischen Bedingungen kommt. Unter diesen Bedingungen kann das Kieslückensystem seine wichtigen Ökosystemdienstleistungen ‚Selbstreinigung‘ und ‚Lebensraum‘ nicht mehr erfüllen. Durch diese Wechselwirkungen zwischen Gewässerbewohnern und Umweltbedingungen führt der Verlust der bestandsbildenden Arten Nase, Döbel und Barbe zu einer Verschlechterung der Lebensbedingungen im gesamten Fließgewässer und damit zu einem Verlust weiterer Arten. So ist der Bestand der Bachmuschel in der Nister von ca. 20.000 Tieren innerhalb von 14 Jahren um 90 % zurückgegangen. Aber auch einer Erholung der Bestände von Nase, Barbe und Döbel wirkt diese Entwicklung entgegen, da ein Großteil der empfindlichen Ei- und Larvenstadien die veränderten Bedingungen im Interstitial, v.a. den akuten Sauerstoffmangel, nicht überlebt. Die Nister befindet sich also in einer Abwärtsspirale, welche es zu durchbrechen gilt.

Die Abwärtsspirale zu durchbrechen wird allerdings durch den voranschreitenden Klimawandel zunehmend erschwert. Dieser hat in den vergangenen Jahren zu ungewöhnlich langandauernden Niedrigwasserphasen im Sommer geführt und auch die Winterhochwässer 18/19 und 19/20 fielen eher unterdurchschnittlich aus. Lange Niedrigwasserphasen sind problematisch, da sich das Wasser bei Niedrigwasser schneller und stärker aufwärmt und es dadurch auch weniger Sauerstoff aufnehmen kann, so dass über einen längeren Zeitraum hohe Temperaturen bei einer geringen Sauerstoffverfügbarkeit herrschen. Derartige Zustände können von den meisten Gewässerorganismen über kürzere Phasen toleriert werden, jedoch nicht über einen längeren Zeitraum hinweg. Darüber hinaus sedimentieren auch leichte, kleine Partikel relativ schnell ab, da die Strömung vergleichsweise gleichförmig (laminar) ist, also wenig Turbulenzen aufweist, und der Wasserstand niedrig ist. Dies führt zu einer zunehmenden Verstopfung (Kolmation) des Kieslückensystems, welches den Austausch zwischen fließender Welle und Kieslückensystem weiter einschränkt/unterbindet. Zusammen mit den schnelleren Abbauprozessen im Kieslückensystem durch die höheren Wassertemperaturen verschärft sich die oben beschriebene Problematik noch weiter. Wenn nun auch die Winterhochwässer nur unterdurchschnittliche Abflüsse verursachen, wird weniger Sediment verlagert und das Kieslückensystem nur sehr oberflächlich freigespült, wodurch die Ausgangsbedingungen im Kieslückensystem im Folgejahr noch schlechter ausfallen.

Im Jahr 1998 filtrierten und reinigten noch große Bestände von Bachmuscheln, mit einer Filtrationsleistung von 3-5 Litern pro Stunde je Individuum, ca. 1,92 Mio. Liter Nisterwasser pro Tag und große Fische (v.a. Nasen) sowie Wirbellose Weidegänger (v.a. Schnecken und Insektenlarven) hielten den Algenrasen kurz. Heute fehlen die großen Bestände dieser Tiere und die Nister droht in Algen und Schwebstoffen buchstäblich zu ersticken.

Nister-Bachmuscheln auf Sediment. Foto: D. Mewes

Zwar können wir an der Nister den Klimawandel nicht aufhalten, aber mit einer ganzheitlichen Strategie können wir die Abwärtsspirale der Nister durchbrechen und die Artenvielfalt aber auch die Ökosystemdienstleistungen in der Nister erhalten. Um das zu erreichen, muss eine solche Strategie sowohl Maßnahmen zur strukturellen Lebensraumverbesserung (Renaturierung), als auch Maßnahmen zum Schutz der Gewässerorganismen, wie beispielsweise Nachzucht und Besatz von Nasen und Bachmuscheln sowie die Vergrämung des Kormorans, beinhalten.

Mit breiter Unterstützung der Bevölkerung und der Politik ist es gelungen zwei Großprojekte ins Leben zu rufen, welche zusammengenommen diesen ganzheitlichen Ansatz verfolgen. Das ist zum einen das E+E-Vorhaben „Integrativer Artenschutz aquatischer Verantwortungsarten an der Nister“ (INTASAQUA) und zum anderen das Projekt „Biomanipulation in Mittelgebirgsflüssen“ (BIOEFFEKT I und II, Laufzeit: 1/2015-11/2018 bzw. 01/2019-12/2022). INTASAQUA untergliedert sich in Hauptprojekt (Laufzeit: 10/2019 – 09/2022) und Begleitforschung (Laufzeit: 01/2020-12/2023), wobei das Hauptprojekt durch das Bundesamt für Naturschutz (BfN) mit einem Anteil von 66 % mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) gefördert wird. 23,6 % der Kosten trägt das Land Rheinland-Pfalz (MUEEF). Den restlichen Anteil von 10,4 % teilen sich der Landkreis Altenkirchen, der Westerwaldkreis, die Verbandsgemeinden Altenkirchen-Flammersfeld, Betzdorf-Gebhardshain, Hachenburg, Hamm und Wissen. Die Trägerschaft obliegt dem Landkreis Altenkirchen in Zusammenarbeit mit dem Westerwaldkreis. Die Begleitforschung von INTASAQUA wird vollständig durch das BfN mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) finanziert und in einer Kooperation zwischen der Universität Koblenz-Landau, der Technischen Universität München (TUM) und der ARGE Nister durchgeführt. Die Projekte BIOEFFEKT I und II wurden/werden durch das Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung gefördert (Förderkennzeichen 2813BM010 und 2818BM084) und von der Universität Koblenz-Landau in Kooperation mit der ARGE Nister, der Bürogemeinschaft für Fisch- und gewässerökologische Studien (Büros Marburg und Frankfurt) und der Dänischen Technischen Universität umgesetzt.

Autor: Daniela Mewes

BfN-Projekt eingeweiht

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Mit vielen illustren Gästen wurde auf dem „Hahnhof“ in Weidenacker bei Wissen das Projekt „Integrativer Artenschutz aquatischer Verantwortungsarten an der Nister“ (Intasaqua) vorgestellt. Auf Initiative der ARGE Nister, Betreiben der Universität Koblenz-Landau, allen voran Dr, Carola Winkelmann, und im Auftrag des Bundesamts für Naturschutz  werden sich in Zukunft verschiedene Wissenschaftler offiziell und mit insgesamt 1,2 Mio. Euro für den Schutz der Nister einsetzen.

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Fotos: Thorsten Ladda / Formwerk5

Ausführliche Information geben die Artikel der Siegener Zeitung und des AK-Kuriers.

 

Neuer Graben offiziell eröffnet

 

Längst tummeln sich Jungfische vieler Arten wie Hasel, Nase und Döbel in dem im Januar 2017 neu angelegten Gewässer: Zur offiziellen Eröffnung des Bewässerungsgrabens an der Nister in Stein-Wingert kamen zur Freude von Manfred Fetthauer, 1. Vorsitzender der ARGE Nister, Dr. Ulrich Kleemann, Präsident der Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Nord, und Sonja Dingeldein, die gemeinsam mit Thomas Meuer (beide SGD Nord) das Projekt betreut.

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Als „Kinderstube“ der Nister wurde der Graben angelegt. Er trennt sich auf einer Strecke von ca. 650 Metern von dem Mittelgebirgsbach. In dem etwa einen bis eineinhalb Meter breiten Gewässer haben die Verantwortlichen Bereiche mit hoher Fließschwindigkeit angelegt. Daneben gibt es ruhigere Zonen und Randstrecken mit Kies, wie ihn die Bach- und Flussperlmuscheln als Lebensraum bevorzugen.

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In dem guten halben Jahr haben sich bereits viele heimische Fische, Reptilien und Amphibien sowie viele Kleinstlebewesen in dem Nebengewässer angesiedelt. Bei einer kurzen Elektrobefischung präsentierte Manfred Fetthauer, wie hoch die Artenvielfalt nach so kurzer Zeit bereits ist. Dr. Ulrich Kleemann zeigte sich zufrieden mit der guten Arbeit, die die SGD mit der ARGE hier geleistet hatte.

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Im Januar war der jahrhundertealte Wiesenbewässerungsgraben der Stein-Wingerter Bauern mit Bagger und großem Gerät ausgeräumt und so wiederbelebt worden. 600 junge Erlen wurden am Ufer gepflanzt, um später einmal den so lebenswichtigen Schatten zu spenden. In diesem Jahr sorgt meterhohes Springkraut für die nötige Beschattung. Doch schon siedeln sich einheimische Uferpflanzen wie Brennnessel, Mädesüß und der hier häufigen Sumpfschafgarbe an, die in den kommenden Jahren den Neophyten verdrängen werden.

Weitere Informationen gibt die Pressemitteilung der SGD Nord.

Kick-off-Workshop für neues Projekt

Kick-off-Workshop des Projektes Integrativer Artenschutz aquatischer Verantwortungsarten (INTASAQUA, BfN)

Das neue Erprobungs- und Entwicklungsvorhaben zielt auf den Gewässerschutz und damit den Erhalt der ausserordentlich hohen aquatischen Diversität an der Nister im Westerwand, denn hier findet man neben vielen bedrohten Arten (Bachmuschel, Lachs, Äsche) das letzte Vorkommen der Flußperlmuschel in Rheinland-Pfalz. Daher soll in einem integrativen Ansatz das Gewässer, sein Umland und die Wasserorganismen geschützt werden. In der momentan geförderten Voruntersuchung wird die Situation analysiert, ein Sanierungsplan erstellt und ein Monitoringprogramm entwickelt.
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In einem Kick-off Workshop trafen sich die beiteiligten Wissenschaftler und Bearbeiter um das Untersuchungsdesign zu spezifizieren und einheitliche Analysemethoden festzulegen. Eine Geländebegehung und die Demonstration verschiedener Messmethoden durfte dabei natürlich nicht fehlen.
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Projektpartner:
TU München, Lehrstuhl Aquatische Systembiologie (Prof. J. Geist)
ARGE Nister e.V.
Kreisverwaltung Altenkirchen

(Quelle Text: Universität Koblenz-Landau
Bilder: Manfred Fetthauer)

„Wenn der Fluss krank ist“ – Drittes Gewässerseminar mit der Uni Koblenz

Zum Sommersemester 2017 bietet die Universität Koblenz-Landau gemeinsam mit Manfred Fetthauer von der ARGE Nister zum dritten Mal eine Fortbildungsmaßnahme für Mitarbeiter des haupt- und ehrenamtlichen Natur- und Gewässerschutzes an. Das Seminar „Gewässerökologie und Gewässerschutz“ findet am 3. und 4. April 2017 statt, Anmeldeschluss ist der 15. März 2017.

Zwei erfolgreiche Durchgänge im Jahr 2016 mit insgesamt rund 60 Teilnehmer haben gezeigt: Das Interesse an Gewässerökologie und Gewässerschutz sowie der Bedarf an fachlich fundierter Weiterbildung, die aktuelle Probleme und moderne Konzepte des Gewässerschutzes thematisiert, ist groß. Viele Fließgewässer in Deutschland sind gegenwärtig von den Zielen der bis 2027 umzusetzenden Wasserrahmenrichtlinie noch weit entfernt. Um diese Ziele zu erreichen, bedarf es weiterhin großer Anstrengungen aller beteiligten Akteure, der Landwirtschaft und der Kläranlagenbetreiber ebenso wie der Umweltbehörden und der Fischereiverbände.

Am Beispiel des Flusses Nister im nördlichen Rheinland-Pfalz führt die Leiterin der Arbeitsgruppe Fließgewässerökologie an der Universität Koblenz-Landau, Dr. Carola Winkelmann, den Seminarteilnehmern vor Augen, dass nicht pauschale Maßnahmenplanungen am ‚grünen Tisch‘ zum Erfolg führen können, sondern dass jeder Fluss und jeder Bach individuell hinsichtlich seiner hydrogeographischen und ökologischen Ausgangslage wie seiner anthropogenen Gefährdungen analysiert und dem entsprechend auch ‚therapiert‘ werden muss. Dies setzt ein hohes Maß an fachlicher Kompetenz in der Beurteilung des ökologischen Zustands eines Gewässers wie auch für geeignete Maßnahmenplanungen voraus.

Hierzu will auch das Seminar im April 2017 wieder beitragen, das in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Limnologie e.V. sowie dem Gewässerschutzverband ARGE Nister / Obere Wied e.V. durchgeführt wird. Teilnehmen können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des haupt- und ehrenamtlichen Natur- und Gewässerschutzes, aus Umweltbehörden, der Wasserwirtschaftsverwaltung, von Fischerei- und Naturschutzverbänden sowie Gewässerschutzbeauftragte in Industrie- und Versorgungsunternehmen. Grundkenntnisse in Gewässerökologie werden vorausgesetzt.

30 Plätze sind für das Seminar am 03./04. April 2017 an der Universität in Koblenz zu vergeben, die Teilnahmegebühr beträgt 240,00 Euro. Weitere Informationen gibt es online unter https://www.uni-koblenz-landau.de/de/zfuw oder bei Norbert Juraske unter umwelt@uni-koblenz.de sowie 0261 287 1520.

(Text: Uni Koblenz)

 

Gewässerkurs erfolgreich gelaufen

Mischung aus Theorie und Praxis kam sehr gut an –
Teilnehmer äußerten Wunsch nach Aufbauseminar

Als Dr. Carola Winkelmann vom Institut der Naturwissenschaften der Uni Koblenz und Manfred Fetthauer von der Arbeitsgemeinschaft (ARGE) Nister im Herbst 2015 bei Probeentnahmen im kalten Wasser der Nister standen, hatten sie die Idee, gemeinsam für interessierte Naturschützer ein Gewässerseminar abzuhalten. Da derzeit ein Forschungsprojekt der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) an der Nister läuft, entstünden sicher viele offene Fragen zur Fliessgewässerökologie, dachten sich die beiden Gewässerexperten.

Gesagt, getan: Das Zentrum für Fernstudien und Universitäre Weiterbildung der Uni Koblenz organisierte ein zweitägiges praxisorientiertes Seminar, das in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Limnologie e.V. sowie der ARGE Nister durchgeführt wurde. Ziel war es, haupt- und ehrenamtlichen im Naturschutz tätigen Menschen die wichtigsten gewässerökologischen Grundlagen zu vermitteln.

Mehr als erstaunt waren die Organisatoren, als sich auf Anhieb 45 Interessierte für das auf 30 Teilnehmer angelegte Seminar gemeldet hatten. Fachleute aus der Wasserwirtschaft, dem Naturschutz, der Fischerei, der Industrie, dem Dienstleistungszentrum ländlicher Raum und einige Bachpaten kamen am ersten Tag in Koblenz zusammen. Sie waren nicht nur aus Rheinland-Pfalz, sondern sogar aus dem Schwarzwald und der Ostsee angereist.

Dr. Carola Winkelmann, die an der Universität Koblenz-Landau als Dozentin im Bereich Biologie, Angewandte Fließgewässerökologie, eine Arbeitsgruppe leitet, eröffnete das Seminar. Sie führte die Teilnehmer über Grundlagen hin zu den Kleinstlebewesen, zu den Räuber-und-Beute-Verhältnissen, ohne die intakte Gewässer nicht existieren können. Vielen Teilnehmern wurde im Laufe des Tages bewusst, was sich hinter den „Ökologischen Dienstleistungen“ verbirgt. Fische wie die Nasen gehören dazu, die die Algen von den Kiesbänken schaben und so als „Dienstleister des Gewässers dafür sorgen, dass das Algenwachstum nicht überhand nimmt und der Fluss gesund bleibt. Die Natur stellt der Menschheit diese ökologischen Dienstleister, die aber heute meist in Vergessenheit geraten sind, zur Verfügung.

Praxisorientiert lernten die Teilnehmer den Aufbau von Fließgewässern kennen. Einen Schwerpunkt legten Winkelmann und Fetthauer auf die Unterscheidung von Sammlern, Zerkleinern, Weidegänger und Räubern, dem Makrozoobenthos. Wichtige Fragen waren: Welche Rolle spielen Nährstoffeinträge? Worher kommen sie? Was können wir dagegen tun, dass zu viele Nährstoffe in den Fluss geraten? Welche Bedeutung hat der Wald und das Umland? Anhand von Fallstudien wurde über sinnvolle und sinnlose Maßnahmen am Gewässer diskutiert.

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Bezogen auf die ökologischen Dienstleistungen startete der zweite Tag an der Nister in Stein-Wingert. Was es bedeutet, wenn diese Dienstleistungen und die Selbstreinigungskraft der Gewässer durch das Fehlen der Fische zusammenbrechen, stellte Manfred Fetthauer in einem kurzen Vortrag vor. Für diesen Zusammenbruch macht Fetthauer an der Nister den Kormoran verantwortlich. Dass eine Überfischung der zahlenmäßig am höchsten vorkommenden Fischart im Gewässer eine Veralgung zur Folge hat, sei in einer neuen Studie über die Meere erwiesen worden und könne so 1:1 auf Fließgewässer übertragen werden, erklärte der Naturschützer. Im Falle der Nister fehlten dank des Kormorans nun die Nasen. Durch die Überfischung steigen Veralgung und pH-Wert, während der Sauerstoffgehalt sinkt. Verstorbene Algen verstopfen das Kiesbett, das als „Niere“ des Gewässers den Fluss sauber hält. Der Fluss stirbt und mit ihm seine Lebewesen: ein Teufelskreislauf.

Wasserstand und Wetter ließen es zu, dass die Teilnehmer in einem sich wieder aufbauenden und geschützten Fischbestand die Nasen bei der Arbeit beobachten konnten. Vor Ort zeigte Dr. Carola Winkelmann den Teilnehmern, wie die Forschungsarbeiten zum BLE-Projekt an der Nister ablaufen.

Walter Hammes vom NABU Waldbreitbach, einer der Teilnehmer, schilderte, wie dramatisch sich der Fischbestand in der nahe gelegenen Wied seit dem Auftreten des Kormorans 1992 verändert hat und zeigte damit auch auf, dass nicht nur die Nister von den Folgen betroffen ist. Zum Schluss konnte Manfred Fetthauer noch von dem Gold der Nister berichten, dem letzten verbliebenen Perlmuschelbestand auf der gesamten Rheinschiene. Alle Teilnehmer baten im Abschlussgespräch um eine sich aufbauende Weiterführung dieser Fortbildung im nächsten Jahr. Die Organisatoren versprachen, sich darum zu bemühen.

Eine zweite Veranstaltung für diejenigen Interessierten, die an diesem Kurs nicht teilnehmen konnten, wird im September 2016 stattfinden. Nähere Informationen dazu gibt die Universität Koblenz Landau auf ihrer Seite unter
https://www.uni-koblenz-landau.de/de/zfuw/gewaesseroekologie-naturschutzpraktiker

Text: Manfred Fetthauer

Kurs für Gewässerökologie

Neues Weiterbildungsangebot der Universität Koblenz-Landau in Zusammenarbeit mit der ARGE Nister / Obere Wied e.V.

Im Sommersemester 2016 wird die Universität Koblenz-Landau erstmals eine berufliche Weiterbildungsmaßnahme zur Gewässerökologie für Mitarbeiter/innen im haupt- und ehrenamtlichen Naturschutz durchführen. Das zweitägige Seminar richtet sich an alle Interessierten, die sich beruflich oder als sachkundige Bürger im Naturschutz mit Fragen des Gewässerschutzes beschäftigen. Das Seminar unter Leitung von Dr. Carola Winkelmann findet am 4. und 5. April 2016 statt, Anmeldeschluss war der 15. März 2016.

Ziel des zweitägigen praxisorientierten Seminars, das in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Limnologie e.V. sowie des Gewässerschutzverbands ARGE Nister / Obere Wied e.V. (Westerwald) durchgeführt wird, ist es, haupt- und ehrenamtlich im Naturschutz Tätigen die wichtigsten gewässerökologischen Grundlagen zu vermitteln. Ein solides wissenschaftliches Fundament ist notwendig um in der täglichen Arbeit der Naturschutzpraxis für jeden Einzelfall die wichtigsten Gewässerschutzmaßnahmen zu erkennen.

 

Forellenbericht 2015

Auf ein Neues: Auch in diesem Jahr erreichten uns mehr als Hunderttausend Bachforelleneier, aus denen kräftige kleine Fischlein schlüpfen sollten.

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Doch zunächst mussten erst einmal die Brutkästen inspiziert und vorbereitet werden, bevor die Eier auf die einzelnen Bretter verteilt werden konnten.

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Frisches, durch silikathaltiges Gestein auf den passenden pH-Wert gebrachtes Wasser umspült die Forelleneier in unserer Anlage den gesamten Tag. Das braucht der heimische Fischlaich, der in der Natur im Kiesbett inmitten von Rauschen von sauerstoffreichem Nass versorgt wird.

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Foto: Silikathaltiges Gestein passt den pH-Wert an.

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Auffällig viele Eier starben in den ersten drei Wochen bis zum großen Schlüpfen ab und wurden weiß. Verpilzungen hatten wir dagegen so gut wie keine. Doch die Larven, die schlüpften, waren klein und häufig auch schwach: Sie blieben in den Eierschalen stecken und verstarben.

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Am 21. Februar setzen wir die ersten Fische nach Aufzehren des Dottersacks in die Anlage in Burbach um. Hier fühlten sie sich wohl, wuchsen aber bis heute sehr langsam. Vermutlich waren die lange andauernden kalten Temperaturen dafür verantwortlich. Daneben hatten wir die Futtermarke gewechselt. Ob das so einen großen Einfluss auf die Größe der Forellen haben kann, werden wir im kommenden Jahr wissen, wenn wir wieder auf das bewährte, aber deutlich teurere Futter zurückgreifen.

Inzwischen sind einige Forellen bereits ausgesetzt – fit und aktiv, aber etwa 40 Prozent kleiner als 2014 zum Zeitpunkt des Besatzes. Immerhin sind ca. 97 Prozent der als kleine Fische in die Bottiche gesetzten Forellen zu größeren Fischen herangewachsen. Trotz der langanhaltenden Wasserknappheit konnten wir den fünfmaligen Wasserwechsel am Tag in den Becken gut durchhalten.

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Ein schöner Moment ist nach wie vor der, wenn sich die kleinen Forellen bärenstark und selbstverständlich in die Strömung der NIster stellen, sofort auf Futterfang gehen und sogar nach Mücken springen. Das tun sie auch 2015 – im Prinzip ist es also wieder ein erfolgreiches Forellenjahr.